Ich lebe noch

Ihr habt schon sehr lange nichts mehr von mir auf dem Blog gelesen und das tut mir Leid! In den letzten Monaten ist so vieles in meinem Leben passiert, dass ich mich überhaupt nicht aufs Bloggen konzentrieren konnte, sondern einfach nur gelebt habe und eine Aufgabe nach der anderen bewältigt habe. Zwar stecke ich noch mitten im Chaos drin, aber es ist nicht mehr ganz so stark, als noch vor einigen Wochen und deshalb möchte ich mir jetzt Zeit nehmen ein bisschen von mir zu erzählen.

Es geht zurück zum Mai. Ich glaube da hat es begonnen mit ein paar Gradwanderungen in meinem Leben. Daniels Familie kam uns Mitte Mai für zwei Wochen besuchen und davor hatte ich mir vorgenommen mehr Platz in der Wohnung zu schaffen, so dass vier Leute plus ihre Sachen auch verstaut werden können. Ich persönlich finde es schön, wenn Gäste ihre Koffer richtig auspacken können und die Koffer dann aus dem Blickfeld geräumt werden können. Außerdem ist unsere Wohnung nicht für sechs Leute gemacht und deshalb wollte ich auch, dass alles einen festen Platz hat und keiner aus dem Koffer leben muss und in jedem Raum diese Kofferhaufen entstehen. Wisst ihr was ich meine? Dieses Kuddelmuddel, weil man immer irgendein Kleidungsstück sucht, aber dann alles andere im Koffer durchwühlen muss, um es zu finden und dabei landet dann die Hälfte der Sachen neben dem Koffer. Im Gästezimmer wäre mir das ja egal, weil ich da die Tür zumachen kann, aber weil Daniels Geschwister auch in meinem Arbeitszimmer und im Wohn- und Esszimmer schliefen wollte ich dort keine Kofferexplosion haben. In der Theorie. Die Praxis sieht dann ja oft ganz anders aus. ;-) Mir ist es wichtig, dass es ordentlich ist, denn sonst lässt sich das für mich echt schwer aushalten. Das liegt glaube ich daran, dass ich mir sowieso so viele Gedanken über zig Dinge mache und dann ist es angenehm für mich, wenn es um mich herum ordentlich ist, denn das Chaos im Kopf reicht schon.

So fing ich ein paar Wochen vor dem Besuch an die Schränke und Kommoden durchzugehen und die Dinge rauszunehmen, die wir nie benutzen. Nur die Sachen, die mir sofort ins Auge fielen. Zum Beispiel mein altes Studentengeschirr und Besteck, das auch schon sehr alt war und das wir nie benutzt haben, weil unser Hochzeitsgeschirr völlig ausreichend war. Aber wir hatten dieses Geschirr noch, weil man ja nie weiß, ob man es doch noch mal brauchen wird. Tja, in den zwei Jahren seit wir hier sind, war das kein einziges Mal der Fall. Auch hatte ich noch Micorfaser-Camping-Handtücher (weil ich ja so oft Campen gehe… tz tz tz), Bücher, die ich seit Jahren nicht gelesen hatte, CDs, DVDs, Dekosachen etc. All diese Sachen brachte ich ins Gästezimmer und ausgebreitet war es so viel wie auf drei große Tische passt! Ich war echt überrascht und zugleich geschockt, wie viel sich in den Schränken und Schubladen verbarg, dass wir eigentlich nie benutzen. Ich machte mich dann daran diese Sachen entweder zu verkaufen, zu verschenken oder zu spenden. Und das war alles gar nicht so einfach. Etwas neu zu kaufen ist immer leichter, als etwas das man schon hat noch zu verkaufen. Ich habe es geschafft vieles loszuwerden, aber den Rest musste ich wieder in den Gästezimmerschrank räumen und zwar nach Tetris-Manier, um noch ausreichend Platz zu lassen, dass Daniels Familie ihre Kleidung auf Bügel hängen konnte. Mit den Schubladen war ich erfolgreicher, da ich zwei kleine Kommoden ganz leeren und verkaufen konnte und von den großen Kommoden im Gästezimmer vier von sechs Fächern leer räumen konnte und so viel Platz war.

Dann kam Mitte Mai Daniels Familie an und mein Ausmistprozess kam erst mal zu einem Stop. Mir war aber klar, dass es noch nicht vorbei damit wäre und danach erst mal richtig losgehen würde, sobald ich wieder jeden Tag alleine zu Hause wäre.


Die Zeit mit Daniels Familie war sehr schön! Ich will hier kein perfektes Bild malen, denn wie ihr wisst ist das Leben nicht perfekt. Genauer gesagt bin ich selbst nicht perfekt und das ist genau das Problem: Nicht, dass ich nicht perfekt bin, denn niemand ist perfekt, sondern, dass ich denke ich müsste perfekt sein. Dieser spezielle Teil meiner Persönlichkeit dient mir wirklich nichtund auch nicht den Menschen, die mir am Herzen liegen. Natürlich wollte ich die perfekte Gastgeberin sein bzw. dass sich unsere Gäste so wohl wie möglich fühlen. So waren meine Erwartungen an mich selbst sehr hoch und ich wollte niemanden enttäuschen und alle glücklich machen. Mit solchen perfektionistischen - ja unmöglichen - Erwartungen konnte ich aber kaum gesunden Grenzen ziehen. In solchen Situationen will ich die anderen auf keinen Fall enttäuschen und verliere mich dann selbst völlig in der Situation. Wenn solche Situationen zu lange andauern (zum Beispiel mehrere Tage oder Wochen), dann werde ich krank. Ich bekomme eine sehr starke Erkältung, die mich ans Bett fesselt. Es ist dann so als würde mir mein Körper sagen „Katharina, jetzt hast du dich mehrere Wochen fast gar nicht ausgeruht und jetzt helfe ich dir, dass du die Ruhe nachholen kannst/musst.“ Und genau das ist passiert nachdem Daniels Familie eine Woche da war. Und im Rückblick glaube ich auch, dass das gut so war, schließlich sind Daniels Eltern und Geschwister erwachsen und total in der Lage auch alleine Sightseeing in New York zu machen. Wir hatten ihnen alles erklärt und ihnen gezeigt, wie man hier U-Bahn fährt. Daniel musste wieder arbeiten und war jeden Morgen schon zwischen 5:30 und 6 Uhr aus dem Haus. Deshalb kam ich auch trotz Krankheit nicht so ganz aus meiner Haut und erklärte den Vieren jeden Morgen noch wie sie am schnellsten wohin kämen und was es da noch alles zum Anschauen gibt und wo man günstig und lecker essen kann und erstelle ganze Karten und Pläne (Katharina, Katharina… wie gesagt, ich komme halt nicht aus meiner Haut). Wenn sie sich dann aufmachten war ich schon wieder total ausgepowert und konnte nur noch ins Bett zurück und lag da den ganzen Tag drin.

Nach einigen Tagen hatte ich so viel Kraft gesammelt, dass ich auch abends noch mal eine Runde Brettspiele mitspielen konnte oder im Umkreis ein Eis essen gehen konnte. Im Nachhinein denke ich, dass es total gut war, dass ich so nicht den Touristenführer machen konnte, denn sonst hätte sich da wieder meine perfektionistische Ader durchgeboxt. In der Art „sie müssen alles sehen was geht, weil wer weiß, wann sie wieder da sind.“ So konnten sie ganz alleine alles anschauen das sie interessierte und ich musste mich auch nicht reinstressen, sondern konnte mir abends die Geschichten anhören.

Bevor die Vier ankamen habe ich mich gefragt, wie wir das wohl mit vier weiteren Personen in der Wohnung schaffen werden, aber wir haben es gut hingekriegt. Natürlich gab es Momente wo mich Unordnung genervt hat, aber das konnte ich dann ansprechen und klären und so bin ich stolz, dass wir das geschafft haben. Ich bin auch froh, dass es mir in der ersten Woche so gut ging und dass Daniel sich fünf Tage frei nehmen konnte und wir erst einen vollen New York Tag hatten und danach zu den Niagara Fällen und nach Toronto gefahren sind. Wir haben so viele schöne Momente gehabt und einige davon möchte ich in Bildern mit euch teilen.

Klickt dazu auf die Bilder und dann vergrößern sie sich und ihr könnt noch mehr Infos zu jedem einzelnen Bild lesen.

Es gibt die Momente in denen ich vor Freude ganz aus dem Häuschen bin und dann die Momente, wo ich realisiere, dass ich vorher lieber mal eine Grenze (= vorher „Nein“ bzw. „Stop“ sagen) hätte setzten sollen. Wenn ich das aber nicht getan habe, dann muss ich mit diesen Konsequenzen umgehen lernen und mir für die Zukunft sagen, dass ich es da weiser machen möchte. Diese Höhen und Tiefen gibt es eigentlich immer wenn wir für so lange Besuch haben. Und danach kommt wieder der Alltag. Nach so viel Gemeinschaft plötzlich wieder eine leere Bude und die Familie ist wieder tausende von Kilometern weit entfernt. Diese Kontraste lassen sich nur schwer aushalten und dieses Jahr hatten wir schon drei davon (März: Meine Mama und jüngste Schwester; Mai: Daniels Familie; August: Mein Papa).

Ich bin jetzt 34 Jahre alt und immer noch am lernen. Zu lernen wie ich mit meinem Krafthaushalt umgehe, wie ich dafür sorge, dass ich mich nicht isoliert fühle, aber auch dafür mich nicht zu unter- oder zu überfordern. Das ist wirklich ein Kunststück. Dann denke ich an andere Anfangs- und Mittdreißiger, die ein Auto haben, ein Haus (abbezahlen), Kinder etc. und ich komme mir im Vergleich so klein und unerwachsen vor. Irgendwie habe ich noch nicht ganz den Dreh raus für „wie das / mein Leben funktioniert“. Dann schaue ich mir Daniel an, wie er so unglaublich erwachsen wirkt mit seinem Anzug und wie er jeden Tag auf die Arbeit fährt und fleißig seinen Job macht und dann sehe ich mich mit meinen 1000 Gefühlen und Gedanken und dass ich so anders bin als er. Natürlich muss ich mich dann in der dieser Abwärtsspirale, die sich dann einschleicht bremsen und mir sagen, dass es gut ist, dass ich anders bin und dass wir als Paar ein gutes Team sind und mich dann auch daran erinnern, dass ich viele andere Anfangs- und Mittdreißiger Freude habe, die auch obwohl sie ein Auto oder ein Haus oder Kinder haben noch nicht alles für sich selbst rausgefunden haben. Und dann fühle ich mich schon wieder ein bisschen normaler bzw. nicht normal, aber nicht mehr so alleine in meiner Situation.

Ich danke euch fürs Lesen und mitfühlen!

Seid ganz lieb gegrüßt,
eure Kati

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