Sonntags vormittags ...

Liebe Blog-Leser!

Sonntags vormittags gehen Daniel und ich zu einem Gottesdienst. Für viele Kirchgänger wäre dieser Satz wohl bereits genug und man könnte sich nun einem anderen Thema zuwenden. Bei Daniel und mir gibt es aber mehr dazu zu sagen.

  1. Wir sind beide gläubige Christen und deshalb wollen wir Gemeinschaft mit Gleichgesinnten haben und in eine Kirchengemeinde gehen.
  2. Daniel ist katholisch und ich bin deutsche Baptistin.
  3. Daniel ist zudem aktiv in der Fokolarbewegung und ich bin nicht nur Baptistin, sondern auch Theologin.

Das sind ziemlich viele Punkte und die machen es für ein Ehepaar nicht unbedingt leichter eine Gemeinde zu finden.

Das Stichwort "eine Gemeinde" funktioniert bei uns sowieso nicht, da wir unterschiedliche Ansprüche haben und nur eine Gemeinde für uns beide an der Realität vorbeigehen würde.

Ich finde, dass Daniel es ein bisschen leichter hat, als Katholik. Als klar war, wo wir wohnen werden, hat er einfach geschaut wo die nächstgelegene katholische Kirche ist und seitdem geht er dort hin. Haltet euch fest, denn der Name ist witzig (finde ich zumindest): St. Kevin.

Welch reizender Name und wahrscheinlich irgendein irischer Heiliger... aber das weiß Daniel sicher genauer.

Das Foto ist leider von Stromleitungen durchzogen... aber ich wollte euch zeigen, dass es eine recht große Kirche ist und eine Schule haben sie auch noch. Daniel muss nur ca. 12 Minuten laufen. 

In den USA wird einem nicht automatisch die Kirchensteuer abgezogen, sondern Daniel bekommt monatlich viele kleine, bunte Briefumschläge. Auf dem Bild seht ihr die für Dezember. Das ist jeweils ein Umschlag pro Woche und dann noch Extraspendenumschläge für die Mission etc. Eine kleine Einführung wie viel Geld er geben soll gab es auf einem Extrazettel. Er muss nicht den Zehnten geben, sondern nur die Hälfte davon. Das ist super für uns, denn ich kann die andere Hälfte dann für meine Gemeinde nutzen und im Endeffekt haben wir dann doch den Zehnten.

Daniel geht also jeden Sonntag in die Messe zu St. Kevin und kann sich dabei aussuchen, ob er um 8, 10 oder 12 Uhr gehen möchte (--> da bekommt er die Sakramente). Unter der Woche hat er seinen Männerhauskreis von der Fokolarbewegung und die versuchen sich alle zwei Wochen zu treffen. Außerdem gibt es auch immer mal wieder andere Aktionen an denen er teilnimmt (--> da erlebt er geistliche Gemeinschaft bzw. Jüngerschaft).

Meine Gemeindesuche hat sich etwas schwieriger gestaltet. Da ich sowohl den theologischen, als auch gemeinschaftlichen Aspekt in EINER Gemeinde zu finden versuche war das komplizierter. 

Meine Wunschliste:

  1. Gemeinde soll in meinem Stadtteil sein.
  2. Gemeinde soll Frauenordination erlauben (d.h. dass auch Frauen in Leitungspositionen tätig sein dürfen) und sie soll
  3. Theologisch nicht zu konservativ sein.

Das sind ja Sachen, wo man annimmt, dass das in einer Stadt wie New York City kein Problem sein dürfte. Tja.... die Kombination von den drei Dingen ist aber schon eins.

Natürlich wäre ich gerne in eine Baptistengemeinde gegangen, weil ich ja auch selbst aus dieser Prägung komme, aber die Baptistengemeinden in der Umgebung sind wirklich sehr konservativ. Frauen als Pastorinnen gibt's da nicht und noch nicht mal weibliche Diakone oder Lobpreisleiter. Was es gab, waren Frauen, die die Kindergottesdienstarbeit leiten, aber das war mir nicht genug. Es ist nicht so, als würde ich ganz neu in der Gemeinde sofort die Kanzel erstürmen wollen, aber ich habe mir gewünscht, dass auf jeden Fall die Möglichkeit besteht in der Zukunft predigen zu dürfen oder auch aktiv in der Gemeindeleitung mitarbeiten zu können. Ich finde, dass Wachstum in der Gemeindemitarbeit, sollte nicht von meinem Geschlecht abhängig sein. Aber die beiden Gemeinden, die ich an meinen ersten Sonntagen in Bayside besucht habe waren leider sehr männerdominierend und das hat mich so traurig gemacht, weil ich keinen Platz für mich gesehen habe.

Die erste Gemeinde war eine "verkleidete" Pfingstgemeinde. Verkleidet, weil auf der Verpackung (d.h. außen am Kirchengebäude) nur "christliche Kirche" drauf stand, anstelle, dass sie gleich mal die Konfession angegeben hätten. Naja, nach fünf Minuten Gottesdienst war mir auch klar, dass ich in einer Pfingstgemeinde gelandet war. ;-) Obwohl ich solche Gemeinden kenne und auch schon in unterschiedlichen Gottesdiensten war (in Deutschland und Argentinien), war das doch eine ziemliche Überforderung für mich, weil alles sehr chaotisch war. Die Predigt war dann aber eine Unterforderung, weil der Pastor eine Stunde lang immer das Gleiche wiederholte, was man auch in einem Satz hätte sagen können. Da hatte ich wohl als ordnungsliebende Deutsche zu kämpfen und noch viel mehr als Theologin. Nach dem Gottesdienst waren die Leute alle sehr freundlich, aber wenn das Grundlegende nicht passt, dann können es auch freundliche Leute nicht rumreissen.

Für meinen zweiten Versuch landete ich in einer Baptistengemeinde und fing schon gleich am Anfang des Gottesdienstes an zu Weinen, als ich den Zettel für die Diakonenwahl sah und dabei eine alphabetische Liste mit den männlichen Mitgliedern der Gemeinde aus denen man für die Wahl aussuchen dürfte. Der Prediger war ein Laienprediger, der nur an der Oberfläche der Bibeltexte blieb und sich für seine Beispiele auch nur männliche Bibel"helden" ausgesucht hatte. Das war alles sehr emotional für mich und ich nahm mir vor, dass ich mir solche Gemeindebesuche sparen kann, wenn die sowieso nicht offen für Frauenordination sind. Da muss ich mir ja nicht den Herzschmerz geben! Ein Gottesdienstbesuch sollte mich aufbauen und in meinem Sein als Frau herabsetzten.

Wieder daheim begann ich wie verrückt nach Gemeinden zu suchen, die auch Frauen in der Leitung haben. Aber die ganzen tollen, die eine gute Mischung von Männer und Frauen in den Leitungspositionen haben waren mindestens eine Stunde mit den öffentlichen Verkehrsmitteln entfernt und das wollte ich nur im größten Notfall machen. Nach stundenlanger Internetrecherche gab ich erst mal auf und heulte Daniel was vor.

Daniel hatte Mitleid mit mir und half mir dann mit der Gemeindesuche. Er gab bei Google den Suchbegriff "christliche Gemeinden in Queens" ein und da kam eine sehr lange alphabetische Liste. Wir sind durch die ganze Liste gegangen und haben alle Webseiten der Gemeinden angeschaut (ja man kann seinen Abend auch so rumbringen!). Immer das gleiche Schema "Webseite - Leitungsteam - gibt es auch Frauen dort und wenn ja welche Aufgaben haben sie (Sekretärin hat übrigens nicht gezählt)". Eine Handvoll Gemeinden blieb übrig, aber keine hat mich umgehauen. Als wir beim Buchstaben "S" ankamen, war das die "Sycomore Church" (= Maulbeerfeigenbaum Kirche). Als wir deren Seite genauer lasen, schienen sie mir offener zu sein und auf einen Gemeindeansatz zu haben, den ich teilen konnte. Um ganz sicher zu gehen, rief ich den Pastor an und stelle meine Fragen über die Frauenordination und Mitarbeit. Die Gemeinde ist Teil der Denomination "Christian and Missionary Alliance". Diese Denomination hat zwar noch keine Frauenordination, aber das Leitungsteam der Sycomore Gemeinde ist offen dafür und da hat mir auch erst mal gereicht, um dort hinzugehen und mir selbst ein Bild zu machen.

Ja, und das mache ich jetzt schon seit 4 Monaten und ich bin gerne dort und habe begonnen Bekannt- und Freundschaften zu schließen, die langsam wachsen.

Die Sycomore Gemeinde ist eine Hausgemeinde. Das heißt die Gottesdienste finden nicht in einem Kirchengebäude statt, sondern in der Wohnung des Pastorenehepaars. In diesem Haus wohnen sie im Erdgeschoss und Keller und ich wundere mich, wie sie schon jahrelang verkraften, dass jeden Sonntag um die 40 Leute bei ihnen aus und eingehen. 

Im Vergleich zu den anderen Gebäuden, ist dieses Gebäude nun wirklich das hässlichste. Aber die Menschen, die sich dort treffen sind wirklich sowas von liebenswert! Ich laufe ca. 15 Minuten zu Fuß dorthin (jetzt mit den Schneemassen aber länger).

Alle die kommen müssen ihre Schuhe ausziehen und so steht sonntags immer eine lange Schlange von Schuhen im Hausflur. Das ist etwas Besonderes, weil ansonsten in amerikanischen Häusern die Schuhe angelassen werden. Sogar wenn es draußen nass ist! Natürlich kommt es auf die Familien an, aber schuhfreie Häuser scheinen hier immer noch etwas Besonderes zu sein. Wenn ich als Deutsche meine Hausschuhe zu Leuten mitbringe, dann sind sie immer ganz überrascht. ;-)

Wirklich alle in der Gemeinde sind Asiaten und nur ab und zu sind andere Weiße da. Also bin ich meistens die einzige Weiße, aber ich fühle mich nicht fremd dort. Als ich in Chicago gelebt habe, waren auch viele Asiaten in der Gemeinde und die habe ich dort lieben gelernt und nehme es jetzt als etwas ganz Normales wahr. Ich glaube die meisten haben einen koreanischen Familienhintergrund, aber es gibt auch einige mit Chinesischem. Obwohl viele von den Leuten noch in Korea oder China geboren wurden, sind sie meistens als Kinder mit ihren Eltern in die USA gekommen und dort aufgewachsen und meist mehr oder weniger amerikanisiert. Alle reden Englisch.

Der Gottesdienst beginnt um 11 Uhr mit Lobpreis (= christliche Lieder singen, um damit Gott zu loben bzw. ihn um Hilfe zu bitten). Das seht ihr auf dem Foto (das habe ich während der Adventszeit gemacht, deshalb noch die  Girlanden). Da singen wir einige Lieder und danach kommt die Predigt und noch Infos. Meistens geht der Gottesdient bis 13 Uhr. Danach gibt es Mittagessen und die Leute bleiben noch bis in den Nachmittag hinein da und reden miteinander.

Daniel und ich handhaben das sonntags so:

Ich gehe um 11 Uhr zur Sycomore und Daniel um 12 Uhr zur Messe. Danach läuft er zu Sycomore und wir essen dort Mittag und quatschen mit den Leuten. Einmal im Monat geht Daniel schon zu einer früheren Messe und kommt zum ganzen Godi von meiner Gemeinde. Wenn z.B. Weihnachtsfeier oder andere Events sind, dann kommt Daniel auch mit, weil es mir wichtig ist, dass Daniel die Leute kennenlernt und sie ihn.

Es ist ihm nicht wichtig, dass ich mit zur Messe gehe, aber dass ich ab und zu an Veranstaltungen von der Fokolarbewegung teilnehme. Bis jetzt gab es noch nicht so viele, aber wir versuchen und da gegenseitig entgegen zu kommen.

Seit ich zur Sycomore gehe, fühle ich mich nicht mehr so isoliert, wie noch am Anfang, als unserer Vermieter unser einziger sozialer Kontakt hier war. Und wir haben auch schon oft praktische Hilfe bekommen, wenn wir mal bei Aldi einkaufen wollten oder noch etwas von Ikea brauchten. Es ist schön, dass es nur um die 40 Leute sind, denn so kann man echt alle mit Namen kennen. Ich bin wirklich dankbar, dass ich die Sycomore Gemeinde gefunden habe und würde sagen, dass sich die Mühe des Suchens gelohnt hat.

Ich kann mir vorstellen, dass es Auswanderern, die nicht religiös sind oder die nicht in einen Verein gehen wollen, echt schwer haben Freunde zu finden - zumindest in einer so großen und vielbeschäftigten Stadt wie New York. In ländlicheren Gegenden ist es vielleicht noch mal etwas anderes.

Ich wünsche euch allen noch eine gute Woche!

Ganz liebe Grüße,

eure Kati

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